Sonntag, 3. Dezember 2017

Wie die Koloniale Gewalt zu uns kam: Die hässliche Wahrheit des Ersten Weltkrieges.



Der Autor hat hier sehr interessante Fragen aufgeworfen, aber seine Antworten hat er leider in den falschen Büchern oder Zeitungen gesucht. Er schreibt halt für den Guardian und deshalb ist auch der Guardian seine Wikipedia. Er nennt den Rassismus der Weißen die größte Gefahr, von der die Welt bedroht ist. So ist es natürlich nicht. Selbst Super-Kapitalisten haben seit langem erkannt, dass die Front zwischen den Superreichen und den Armen verläuft. Folglich ist auch nicht Trump der gefährlichste Mann, sondern die EinProzentMafia, an deren Bändel er rumhampelt. Trotzdem, lest diesen sehr langen Essay in Ruhe durch. Ihr werdet auf manches Aha-Erlebnis stoßen.

Pwankaj Mishra


25. November 2017

Aus dem Englischen: Einar Schlereth

Der Große Krieg ist oft dargestellt worden als ein völlig unerwartete Katastrophe, Aber für die Millionen , die unter der imperialistischen Herrschaft leben mussten, waren Terror und Erniedrigung nichts Neues.

Heute stehen an der Westfront,“ schrieb der deutsche Soziologe Max Weber im September 1917 „ein Abschaum von afrikanischen und asiatischen Wilden und ein Gesindel von Dieben und Lumpen.“ Weber bezog sich auf die Millionen indischen, afrikanischen, arabischen, chinesischen und vietnamesischen Soldaten und Arbeiter, die damals mit den britischen und französischen Streitkräften und auf den verschiedenen Neben-Schauplätzen des ersten Weltkrieges kämpften.

Angesichts ihres Mangels an Soldaten rekrutierten die britischen Imperialisten bis zu 1.4 Millionen indische Soldaten. Frankreich warb beinahe 500000 Soldaten aus seinen Kolonien in Afrika und Indochina an. Die wahren unbekannten Soldaten des 1. Weltkrieges waren diese nicht-weißen Kämpfer.

Ho Chi Minh, der großenteils während des Krieges in Europa war, verurteilte, was er als eine Pressung von unworfenen Menschen ansah. Vor dem Beginn des Großen Krieges schrieb Ho, dass sie als „nichts anderes als dreckige Neger … angesehen wurden … nur gut genug, um Rickshaws zu ziehen“. Aber als Europas Schlacht-Maschinen „menschliches Futter“ brauchten, wurden sie eingezogen. [Unter großen pekuniären und politischen Versprechungen, die wie üblich vom weißen Mann größtenteils nicht eingehalten wurden. Vielen wurde die Unabhängigkeit versprochen, woran man sich überhaupt nicht mehr erinnerte und auch regulärer Sold, von dem sie im Krieg nur einen Bruchteil und danach nichts mehr sahen, selbst wenn sie verwundet heimkehrten. Ich erinnere an den großartigen französichen Film „Der Saustall“ mit Isabelle Huppert und Philippe Noiret. D. Ü.]

Andere anti-Imperialisten, wie Mahatma Gandhi und WEB Du Bois , verfolgten entschieden die Kriegsziele ihrer weißen Herren und hofften, für ihre Volksgenossen nachher Würde zu erhalten. Aber ihnen war nicht klar, was Webers Bemerkungen enthüllten: dass die Europäer sehr schnell die physische Nähe ihre nicht-weißen Untertanen zu fürchten und zu hassen begannen – ihre „neu gefangenen störrischen Völker“, wie Kipling die kolonisierten Asiaten und Afrikaner in seinem Gedicht „Die Bürde des Weißen Mannes“ von 1899 nannte.

Diese kolonialen Subjekte verbleiben marginal in den üblichen Kriegs-Geschichtsbüchern. Ihrer wird großenteils auch nicht gedacht beim geheiligten Ritual des Tages der Erinnerung. Der zeremonielle Gang zum Ehrenmal in Whitehall aller hohen britischen Würdenträger, die zwei Schweigeminuten, das Niederlegen der Mohnkränze und das Absingen der Nationalhymne – das alles soll den ersten Weltkrieg als Europas umwerfenden Akt der Selbstbeschädigung in Erinnerung rufen. Im vergangenen Jahrhundert wird der Krieg erinnert als ein großer Bruch in der modernen westlichen Zivilisation, eine unerklärliche Katastrophe, in die hoch zivilisierte Europäer schlafwandlerisch nach dem „langen Frieden“ des 19. Jahrhunderts gerieten. Eine Katastrophe, deren ungelöste Probleme noch einen weiteren verhängnisvollen Konflikt zwischen liberaler Demokratie und autoritärer Herrschaft provozierten, in dem erstere triumphierte und Europa wieder ins richtige Gleichgewicht brachte. [Die typisch liberale Schreibweise. Es war der Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus. D. Ü.]

Mit mehr als 8 Millionen Toten und mehr als 21 Mill. Verwundeten war der Krieg der blutigste der europäischen Geschichte [eine gelinde Übertreibung. Der 30- jährige Krieg kostete ca. 6 Millionen Opfer, das waren 33 % der Gesamtbevölkerung des dt. Reiches und da sind noch nicht die Millionen Invaliden mitgerechnet. Und er dauerte wie gesagt 30 Jahre! D. Ü.] bis zur zweiten Feuersbrunst, die 1945 endete. Kriegs-Denkmale in den abgelegensten Dörfern Europas, sowie die Soldatenfriedhöfe vonVerdun, der Marne, Passchendaele und der Somme ehren eine herzzerreißend große Erfahrung von Verlust. In vielen Büchern und Filmen erscheinen die Vorkriegsjahre als eine Zeit des Wohlstandes und Zufriedenheit in Europa und der Sommer 1913 als der letzte goldene Sommer.

Aber heute, wo Rassismus und Xenophobie in das Zentrum der westlichen Politik zurückkehren ist es an der Zeit zu erinnern, dass der Hintergrund des ersten Weltkrieges aus Jahrzehnten von rassistischem Imperialismus bestand, dessen Konsequenzen noch andauern. Es ist etwas, das nicht besonders erinnert wird, wenn überhaupt am Tag der Erinnerung.

Zur Zeit des ersten Weltkrieges hielten alle westlichen Mächte eine rassische Hierarchie aufrecht, die um die geteilten Projekte territorialer Expansion herum errichtet wurde. 1917 erklärte der US-Präsident Woodrow Wilson stolz seine Absicht, „die weiße Rasse stark zu halten gegenüber der Gelben“ und „die weiße Zivilisation und ihre Vorherrschaft auf dem Planeten“ zu erhalten. Eugenistische Ideen rassischer Auserwähltheit gab es überall im Mainstream und die Angst, die in Blättern wie dem Daily Mail zum Ausdruck kam, der  über weiße Frauen
klagte, die in Kontakt mit „Eingeboren kommen, die schlimmer als wilde Tiere sind, wenn ihre Leidenschaften erregt werden“, wurden weithin im Westen geteilt. Gesetze gegen Rassenmischung gab es in den meisten US-Staaten. In den Jahren bis 1914 wurden die Verbote von sexuellen Beziehungen zwischen europäischen Frauen und schwarzen Männern (nicht aber zwischen weißen Männern und afrikanischen Frauen) in allen europäischen Kolonien Afrikas erzwungen. Die Anwesenheit von „dreckigen Negern“ in Europa nach 1914 schien die Verletzung eines absoluten Tabus zu sein.

Im Mai 1915 entstand ein Skandal, als die Daily Mail ein Foto einer britischen Krankenschwester druckte, die hinter einem
indischen verwundeten Soldaten stand. Armee-Beamte versuchten, weiße Krankenschwestern von Hospitälern abzuziehen, wo Inder behandelt wurden, und hinderten Inder daran, das Krankenhaus-Grundstück ohne einen männlichen Begleiter zu verlassen.

Die Empörung, als Frankreich Soldaten aus Afrika (die Mehrheit von ihnen aus dem Maghreb) für die Besetzung Deutschlands einsetzte, war besonders groß in der französischen Zone. Deutschland hatte auch tausende afrikanische Soldaten eingesetzt in seiner Kolonie in Ostafrika, hatte sie aber nie in Europa in den Kampf geführt und auch nicht erlaubt, was der deutsche Außenminister (ehemaliger Gouverneur von Samoa) „den rassisch schändlichen Einsatz von Farbigen“ nannte. [Dies ist ja im Vergleich zu den Millionen, die von England und Frankreich benutzt wurden, geradezu eine Bagatelle. D. Ü.]

1920 warnte die deutsche Nationalversammlung in einer gemeinsamen Erklärung, dass „Diese Wilden eine furchtbare Gefahr für deutsche Frauen sind.“ [Der meinte natürlich ‚für die deutschen Männer‘. D. Ü.] Als Hitler in den 20-er Jahren sein ‚Mein Kampf‘ schrieb, beschrieb er die afrikanischen Soldaten auf deutschem Boden als eine jüdische Verschwörung zum Zweck, das weiße Volk „von seinem kulturellen und politischen Gipfel zu stoßen“. [Derlei Beschimpfungen kaschierten natürlich nur, dass sie sich in ihren Stellungen in die Hosen schissen, wenn sie hörten, dass gegenüber schwarze Soldaten lagen. D. Ü.] Die Nazis, die von den amerikanischen Neuerungen in rassischer Hygiene inspiriert wurden, sterilisierten 1937 unter Zwang hunderte Kinder, die von afrikanischen Soldaten gezeugt worden waren. Angst und Hass vor bewaffneten „niggers“ (wie Weber sie nannte) auf deutschem Boden war nicht auf Deutschland oder die politische Rechte beschränkt. Der Papst protestierte gegen ihre Anwesenheit und ein Leit-Artikel im Daily Herald, eine britische sozialistische Zeitung titelte 1920 „Die schwarz Geißel in Europa".

Dies war die vorherrschende globale rassistische Ordnung, auf der Grundlage des exklusiven Begriff von ‚Weißheit‘ und gestützt durch Imperialismus, Pseudo-Wissenschaft und die Ideologie vom Sozial -Darwinismus. In unserer Zeit hat die stete Erosion der ererbten Rasse-Privilegien die westlichen Identitäten und Institutionen destabilisiert – und sie hat den Rassismus als eine resistente  und potente politische Kraft enthüllt, die launenhafte Demagogen stärkt im Herzen der modernen Welt.

Heute, während weiße Rassisten fieberhaft transnationale Allianzen aufbauen, wird es absolut nötig zu fragen, was Du Bois schon 1910 tat: “Was ist das Weißsein, dass es so begehrenswert ist?“ [Das war weder für das chinesische oder indische oder islamische Imperium begehrenswert, sondern wurde es durch die Macht der weißen Kanonen. D. Ü.] Wenn wir an den ersten globalen Krieg denken, muss auch der Hintergrund eines Projekts westlicher globaler Vorherrschaft bedacht werden – ein Projekt, das von allen großen Antagonisten geteilt wurde. Der erste Weltkrieg war tatsächlich der Moment, wo das gewalttätige Erbe des Imperialismus in Asien und Afrika heimkehrte und in dem selbst-zerstörerischen Gemetzel in Europa explodierte. Und es scheint unheilvoll an diesem speziellen Tag der Erinnerung zu sein: das Potential eines umfassenden Chaos im Westen ist größer als zu irgendeiner andren Zeit in dem langen Frieden seit 1945.

Wenn Historiker den Ursprung des Großen Krieges diskutieren, ist es üblich den Fokus auf starre Allianzen, militärische Fahrpläne, imperialistische Rivalitäten, Wettrüsten und deutschen Militarismus zu legen. [Auch eine große Lüge: Deutschland hat die allerwenigsten Kriege aller Großmächte geführt. D. Ü.] Der Krieg, wiederholen sie immer wieder, war die grundlegende Katastrophe des 20. Jahrhunderts – Europas Ur-Sünde, die noch größere Ausbrüche an Barbarei ermöglichte wie den 2. Weltkrieg und den Holocaust. Ausgiebige Kriegsliteratur, buchstäblich zehntausende Bücher und gelehrte Artikel handeln vor allem von der Westfront und dem Einfluss der gegenseitigen Schlächtereien in England, Frankreich und Deutschland – und bedeutsamerweise auf die Zentren der imperialen Mächte statt auf die Peripherie. Bei dieser Erzählung, die unterstrichen wird durch die Russische Revolution und die Balfour Deklaration 1917, beginnt der Krieg mit den „Kanonen im August“ 1940 und den jubelnden patriotischen Mengen in ganz Europa, die Soldaten in das blutige Patt in den Schützengräben schickten. Friede kommt mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918, der aber tragischerweise durch den Versailler Friedensvertrag 1919 kompromettiert wird, da er die Bühne für den 2. Weltkrieg bereitet.

In einer vorherrschenden aber äußerst ideologische Version der europäischen Geschichte – die seit dem Kalten Krieg popularisiert wird – sind die Weltkriege zusammen mit Faschismus und Kommunismus einfach monströse Verirrungen in dem universalen Fortschreiten der liberalen Demokratie und Freiheit. In vieler Weise jedoch sind es die Jahrzehnte nach 1945 – als Europa, seiner Kolonien beraubt, aus den Ruinen zweier katastrophaler Kriege auferstand – die zunehmend außergewöhnlich sind. Inmitten der allgemeinen Erschöpfung mit militanten und kollektivistischen Ideologien im westlichen Europa scheinen die Vorteile der Demokratie – vor allem der Respekt vor den individuellen Freiheiten – klar zu sein. Die praktischen Vorteile eines neuen sozialen Vertrages und eines Wohlfahrtsstaates waren auch offensichtlich. Aber weder diese Jahrzehnte der Stabilität, noch der Kollaps der kommunistischen Regime 1989 waren ein Grund anzunehmen, dass die Menschenrechte und die Demokratie auf dem Boden Europas verwurzelt waren. Statt sich an den 1. Weltkrieg zu erinnern in einer Weise, die unseren zeitgenössischen Vorurteilen schmeichelt, sollten wir uns erinnern, was Hannah Arendt betonte in ‚Der Ursprung des Totalitarismus‘ - eine der ersten großen Abrechnungen im Westen mitEuropas schmerzenden Erfahrungen mit Kriegen, Rassismus und Genozid im 20. Jahrhundert. Ahrendt bemerkt, dass es die Europäer waren, die als erste „die Menschheit in Herren- und Sklaven-Rassen“ einordneten bei ihrer Eroberung und Ausbeutung großer Teile Asiens, Afrikas und Amerikas. Diese entwürdigende Rassenhierarchie wurde errichtet, weil das Versprechen von Gleichheit und Freiheit zuhause die imperiale Expansion in Übersee erforderte, um wenigstens teilweise erfüllt zu werden. Wir neigen dazu zu vergessen, dass der Imperialismus mit seinem Versprechen von Land, Nahrung und Rohmaterialien im späten 19. Jahrhundert als entscheidend für den nationalen Fortschritt und Wohlstand angesehen wurde. Der Rassismus war – und ist – mehr als ein hässliches Vorurteil, etwas, das durch legale und soziale Vorschriften ausgerottet werden kann. Dazu gehöre reale Versuche, durch Ausschluss und Erniedrigung die Probleme, eine politische Ordnung zu errichten und die Unzufriedenen zu befrieden in den Gesellschaften, die durch rapide soziale und ökonomische Veränderung aufgewühlt wurden.

Im frühen 20. Jahrhundert hatte die Popularität des Sozial-Darwinismus einen Konsensus geschaffen, dass Nationen ähnlich wie biologische Organismen angesehen werden sollten, denen Auslöschung oder Zerfall drohte, wenn sie versagten, Fremdkörper abzustoßen und „Lebensraum“ für ihre eigenen Bürger zu schaffen. Pseudo-wissenschaftliche Theorien von biologischen Unterschieden zwischen Rassen postulierten eine Welt, in der alle Rassen in einen internationalen Kampf um Reichtum und Macht begriffen waren. Das Weißsein wurde „die neue Religion“, wie Du Bois beobachtete, die Sicherheit bot inmitten ökonomischer und technologischer Veränderungen und ein Versprechen auf Macht und Autorität über die Mehrheit der menschlichen Bevölkerung.

Das Wiederauftauchen dieser Ansichten von weißem Rassismus heute im Westen – sowie der noch weiter verbreiteten Stigmatisierung von ganzen Bevölkerungen als inkompatibel mit weißen westlichen Völkern – sollte andeuten, dass der erste Weltkrieg tatsächlich nicht ein tiefer Bruch mit Europas eigener Geschichte war. Er war vielmehr, wie Liang Qichao, Chinas bedeutendster moderne Intellektuelle, schon 1918 betonte „ein vermittelnder Übergang zwischen Vergangenheit und Zukunft“.

Die Liturgien des Tages der Erinnerung und die Beschwörungen eines wunderschönen langen Sommers 1913 leugnen sowohl die rauhe Realität, die dem Krieg vorausging als auch die Art und Weise, wie sie bis in das 21. Jahrhunderte Bestand hatte. Unsere komplexe Aufgabe am 100. Jahrestag wäre, die Wege zu identifizieren, auf denen die Vergangenheit unsere Gegenwart infiltriert hat und wie sie drohen, unsere Zukunft zu formen: wie die schließliche Schwächung der Vorherrschaft der weißen Zivilisation und Durchsetzungsvermögen der vormals störrischen Völker einige sehr alte Tendenzen und Charakterzüge im Westen freigesetzt hat.

Beinahe ein Jahrhundert nach dem 1. Weltkrieg sind die Erfahrungen und Perspektiven seiner nicht-europäischen Akteure und Beobachter noch weithin im Dunkeln. Die meisten Berichte von dem Krieg stellen ihn im wesentlichen als europäische Angelegenheit dar: eine, durch die der lange Frieden des Kontinents zerschlagen wird durch vier Jahre Gemetzel und eine lange Tradition von westlichem Rationalismus  pervertiert
wird.

Relativ wenig ist bekannt darüber, wie der Krieg die politischen Kämpfe in ganz Asien und Afrika beschleunigte; wie arabische und türkische Nationalisten, indische und vietnamesische anti-koloniale Aktivisten darin neue Gelegenheiten fanden; oder wie, während die alten Imperien Europas zerstört wurden, der Krieg Japan in eine bedrohliche imperialistische Macht in Asien verwandelte.

Ein breiter Bericht von dem Krieg, der auch die poltischen Konflikte außerhalb Europas beachtet, kann den hyper-Nationalismus vieler heutiger asiatischer und afrikanischer herrschenden Eliten erklären, am auffallendsten im chinesischen Regime, das sich selbst als Rächer für Chinas Jahrhunderte lange Erniedrigung durch den Westen darstellt.

Neuere Erinnerungsfeiern haben größeren Raum den nicht-europäischen Soldaten und Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges eingeräumt: insgesamt sind mehr als vier Millionen nicht-weiße Männer in die europäischen und amerikanischen Armeen mobilisiert worden und die Kämpfe fanden an sehr weit von Europa entfernten Orten statt – von Sibirien und Ostasien bis zum Nahen Osten, im sub-Sahara-Afrika und selbst auf Inseln im Süd-Pazifik. In Mesopotamien [dem heutigen Irak. D. Ü.] bildeten indische Soldaten die Mehrheit der alliierten Armee im ganzen Krieg. Weder Englands Besetzung von Mesopotamien noch seine erfolgreice Kampagne in Palästina hätte es ohne indischen Beistand gegeben. Sikh Soldaten halfen sogar den Japanern, die Deutschen aus ihrer chinesischen Kolonie Qingdao (Kiautschou damals) zu vertreiben. Forscher haben begonnen, den beinahe 140 000 chinesischen und vietnamesischen Vertrags-Arbeitern der französischen und
britischen Regierungen zu widmen, die die Kriegs-Infrastruktur aufrecherhalten mussten, aber hauptsächlich Schützengräben aushoben. Wir wissen mehr darüber, wie das Europa der Zwischenkriegszeit Gastgeber einer Vielzahl von anti-kolonialen Bewegungen wurde; zur ostasiatischen Gemeinde in Paris gehörten zeitweilig Tschou En-lai, später Premierminister Chinas, und auch Ho Tschi-Minh. Grausame Misshandlung in Form von  Misshandlung, von Rassentrennung und Sklavenarbeit war das Schicksal vieler dieser Aasiaten und Afrikaner in Europa. Deng Xiao-ping, der nach Frankreich direkt nach dem Krieg kam, erinnerte sich später an „die Erniedrigungen“, die chinesische Bürger durch „die Kapitalisten-Knechte“ zu erleiden hatten.

Aber um die gegenwärtige Heimkehr des weißen Rassismus in den Westen zu erfassen, müssen wir noch tiefer in die Geschichte eindringen – eine, die uns zeigt, wie das Weißsein Ende des 19. Jahrhunderts die Sicherung der individuellen Identität und Würde verlieh und auch die Basis der militärischen und diplomatischen Allianzen war.

Eine solche Geschichte würde zeigen, dass die globale Rassen-Ordnung im Jahrhundert vor 1914 völlig selbstverständlich war für „unzivilisierte“ Völker, ausgelöscht, terrorisiert, eingesperrt, ausgegrenzt oder radikal umerzogen zu werden. Darüberhinaus war diese verwurzelte System nicht irgendetwas Zufälliges im 1.Weltkrieg, ohne Zusammenhang mit der scheußlichen Art, wie er durchkämpft wurde oder die Brutalisierung, die später zu dem Horror des Holocaust führte. Vielmehr ist die extreme, gesetzlose und oft grenzenlose Gewalt des modernen Imperialismus am Ende als Bumerang zu den Urhebern zurückgekehrt.

In dieser neuen Geschichte wird der lange Frieden Europas enthüllt als eine Zeit grenzenloser Kriege in Asien, Afrika und beiden Amerikas. Diese Kolonien erweisen sich als der Kreuzpunkt, an dem die traurigen Taktiken von Europas brutalen Kriegen des 20. Jahrhunderts – rassische Auslöschung, erzwungene Völkerverschiebung, Verachtung für Zivilisten – zuerst geschaffen wurden.

Zeitgenössische Historiker des deutschen Kolonialismus (ein sich ausdehnender Studien-Bereich) versucht, den Holocaust auf die deutschen mini-Genozide zurückzuführen, die von ihnen in den afrikanischen Kolonien im 19. Jahrhundert begangen wurden, wo einige Schlüssel-Ideologien wie der Lebensraum entstanden. [Das ist typisch. Da werden mit der Lupe diese Dinge vorgesucht in der extrem kurzen Kolonialgeschichte der Deutschen, während sie hunderte Jahre andauerte in den englischen, französischen und amerikanischen Kolonien und bis heute weitergeht. D. Ü.]. Aber es ist zu einfach zu schließen, besonders aus anglo-amerikanischer Perspektive, dass die Deutschen die Normen der Zivilisation brachen und neue Standards der Barbarei und Schikane im Rest der Welt im Zeitalter der Extreme setzten. Schließlich gab es tiefe Kontinuitäten in imperialistischen Praktiken und der rassischen Anmaßung der europäischen und amerikanischen Mächte.

Eigentlich glichen sich die Mentalitäten der westlichen Mächte auf dem Höhepunkt des „Weißseins“ in hohem Maße an – was Du Bois, in Beantwortung seiner eigenen Frage über diese sehr wünschenswerte Bedingung, denkwürdigerweise als „das Besitzrecht auf die Erde für immer und alle Zeiten“ nannte. Zum Beispiel leisteten die Briten bei der deutschen Kolonisierung Südwestafrikas, die zur Lösung der Überbevölkerung gedacht war, oft Beistand; und alle großen westlichen Mächte teilten sich freundschaftlich die chinesische Melone Ende des 19. Jahrhunderts und zerstückelten sie. Jede Spannung, die bei der Aufteilung der Beute in Asien und Afrika auftrat, wurde im großen und Ganzen friedlich gelöst, natürlich auf Kosten der Afrikaner und Asiaten.

Das kam daher, weil die Kolonien zu jener Zeit weithin als unverzichtbares Mittel als Reserve-Dampfventile angesehen wurden für den heimischen sozio-ökonomischen Überdruck. Cecil Rhodes legt den Fall für sie mit exemplarischer Deutlichkeit dar 1895 nach einem Zusammenstoß mit wütenden Arbeitslosen in Londons East End. Imperialismus, erklärte er, „ist eine Lösung für soziale Probleme, d. h. um die 40 Millionen Bewohner des Vereinigten Königreichs vor einem blutigen Bürgerkrieg zu retten, müssen wir kolonialen Staatsmänner neues Land erwerben, um die Überbevölkerung anzusiedeln, um neue Märkte für die Güter, die in den Fabriken und Bergwerken erzeugt werden, zu liefern“. Nach Meinung von Rhodes „musst du zum Imperialisten werden, wenn du Bürgerkrieg vermeiden willst.“

Rhodes Rauferei um Afrikas Goldminen trugen dazu bei, den zweiten Burenkrieg auszulösen, bei dem die Briten Afrikaner-Frauen und Kinder internierten, was den Begriff „Konzentrationslager“ in den Sprachgebrauch einführte. [Eine typische Verniedlichung für einen äußerst blutigen Krieg, bei dem aber die britische Oligarchie, vor allem die Queen und Rothschild Billionen Pfund gewannen und immer noch kassieren. D. Ü.] Am Ende des Krieges 1902 war es zum „geschichtlichen Gemeinplatz“ geworden, wie J. A. Hobson schrieb, dass „Regierungen nationale Animositäten, ausländische Kriege und den Glanz des Imperium-Baus die öffentliche Meinung verwirren und von der zunehmenden Feindseligkeit gegen die heimischen Übergriffe ablenken sollten“.

Während der Imperialismus ein „Panorama vulgären Stolzes und kruder Sensationslust“ entwarf, versucht die herrschenden Klasse immer stärker, „die Nation zu imperialisieren“, wie Arendt schrieb. Dieses Projekt, „die Nation zu organisieren, um fremde Territorien auszuplündern und fremde Völker permanent zu erniedrigen“, wurde schnell durch die neu entstandene Regenbogenpresse vorangetrieben. Die Daily Mail, von der ersten Stunde 1896, heizte den vulgären Stolz an, weiß zu sein und Brite und den brutalen Eingeborenen überlegen – so wie sie es heute immer noch macht. Am Ende des Krieges wurde Deutschland seiner Kolonien beraubt und von den siegreichen imperialen Mächten angeklagt, völlig frei von Ironie, die Eingeborenen in Afrika schlecht behandelt zu haben. Aber solche Urteile, die noch heute zu hören sind,  um einen „gütigen“ Briten- und US-Imperialismus von dem deutschen, französischen, holländischen und belgischen zu unterscheiden, versuchen, das starke Zusammenwirken des rassistischen Imperialismus zu verbergen. Marlow, der Erzähler in Joseph Conrads „Herz der Dunkelheit“ (1899), ist darin klarsichtiger. „Ganz Europa trug zur Erschaffung von Kurtz bei,“ schrieb er. Und zur neumodischen Art der Auslöschung der Wilden, hätte er hinzufügen können.

1920, ein Jahr nach der Verurteilung Deutschlands wegen seiner Verbrechen an den Afrikanern, haben sich die Briten die Bombardierung aus der Luft als Routine-Politik in ihrer neuen Irak-Besitzung ausgedacht – der Vorläufer der heutigen Jahrzehnte langen Bombardierung und Drohnen-Kampagnen in West- und Südasien. „Die Araber und Kurden wissen jetzt, was echte Bombardierung bedeutet,“ hieß es in einem Bericht von 1924 eines Offiziers der Königlichen Luftwaffe. „Jetzt wissen sie, dass innerhalb von 45 Minuten eine ganze Stadt praktisch ausgelöscht und ein Drittel ihrer Bevölkerung getötet oder verwundet werden kann.“ Dieser Offizier war Arthur „Bomber“ Harris, der im 2. Weltkrieg die Feuerstürme von Hamburg und Dresden inszenierte und dessen Pionier-Taten im Irak den Deutschen halfen, 1930 Theorien über den totalen Krieg (auf deutsch im Original) aufzustellen.

Es wird oft behauptet, dass die Europäer gleichgültig oder unwissend über ihre entfernten imperialen Besitzungen waren und dass nur ein paar ausgekochte Imperialisten wie Rhodes, Kipling und Lord Curzon sich besonders um sie kümmerten. Das lässt den Rassismus als ein kleines Problem erscheinen, das verstärkt wurde durch die Ankunft in Europa nach 1945 von asiatischen und afrikanischen Immigranten. Aber die Raserei des Hurrapatriotismus, in die Europa in das Blutbad 1914 verfiel, spricht von einer kriegerischen Kultur imperialer Vorherrschaft, eine macho-Sprache rassistischer Überlegenheit, die d
as nationale und individuelle Selbstwertgefühl stärkte.

Italien folgte in der Tat 1915 England und Frankreich auf Seiten der Alliierten in der Sucht nach populärer Imperium-Manie (und verfiel prompt dem Faschismus, nachdem seine imperialistischen nicht gelöscht wurden). Italienische Schriftsteller und Journalisten und auch Politiker und Geschäftsleute hatte es gelüstet nach imperialer Macht und Ruhm seit Ende des 19. Jahrhunderts. Italien hatte sich fieberhaft nach Afrika gedrängt, nur um schändlich in Äthiopien 1896 besiegt zu werden. (Mussolini sollte sich 1935 rächen, indem er die Äthiopier mit Giftgas eindeckte.) 1911 sah Italien eine Gelegenheit, Libyen aus dem Ottomanischen Imperium herauszureißen.
Nach anfänglichen Misserfolgen beim Sturm auf das Land, der sowohl von Frankreich als auch England grünes Licht erhielt, wurde er später boshaft und laut zuhause begrüßt. Die Nachrichten über die italienischen Grausamkeiten, wozu das erste Luftbombardement der Geschichte gehört, radikalisierte viele Moslems in ganz Asien und Afrika. Aber die öffentliche Meinung in Italien stand felsenfest hinter dem imperialen Spiel.

Deutschlans Militarismus, der gemeinhin beschuldigt wird, Europas Todesspirale zwischen 1914 und1918 verursacht zu haben, erscheint weit weniger außergewöhnlich, wenn wir in Betracht ziehen, dass seit 1880 viele deutsche Politiker, Geschäftsmänner und Akademiker und solch mächtige Lobbies wie die Pan-deutsche Liga (Max Weber war kurze Zeit Mitglied) ihre Führer aufforderten, einen imperialen Status wie England und Frankreich zu erreichen. Außerdem fanden alle deutschen militärischen Engagement zwischen 1871 bis 1914 außerhalb Europas statt. Dazu gehörten die Strafexpeditionen in den afrikanischen Kolonien [wohlgemerkt ‚kleine Expeditionen‘ und keine blutigen Kriege. D.Ü.] und ein ambitiöser Raubzug in China, wo Deutschland sich sieben europäischen Mächten an einer Vergeltungsexpedition anschloss gegen junge Chinesen, die gegen die westliche Vorherrschaft im Reich der Mitte rebelliert hatten.

Als Deutschland deutsche Truppen nach Asien schickte, stellte
der Kaiser ihre Mission als einen rassischen Racheakt dar: „Gebt keinen Pardon und nehmt keine Gefangenen,“ sagte er und forderte die Soldaten auf sicherzustellen, dass „kein Chinese jemals wieder es wagen wird, einen Deutschen schief anzuschauen“. Die Zerschlagung der „Gelben Gefahr“ (ein Satz, der etwa 1890 geprägt wurde) war mehr oder weniger zu Ende, als die Deutschen eintrafen. Nichtsdestotrotz führten die Deutschen zwischen Oktober 1900 und dem Frühjahr 1901 Dutzende Überfälle im chinesischen Hinterland durch, die notorisch wegen ihrer intensiven Brutalität wurden.
Einer der Freiwilligen in der Strafmacht war Generalleutnant Lothar von Trotha, der sich in Afrika Ruhm verschaffte beim Abschlachten von Eingeborenen und Niederbrennen von Dörfern. Er nannte seine Politik „Terrorismus“ und fügte hinzu, dass „nur das hilft“, um die Eingeborenen zu unterwerfen. In China raubte er Ming-Gräber aus und nahm einige Hinrichtungen vor, aber seine wirkliche Arbeit stand ihm in Deutsch-Südwest-Afrika bevor (das heutie Namibia), wo eine anti-koloniale Erhebung im Januar 1904 ausgebrochen war. Im Oktober jenes Jahres befahl von Throtha, dass die Mitglieder des Herero-Volkes, einschließlich Frauen und Kinder, die bereits militärisch besiegt worden waren, auf der Stelle erschossen werden sollten und diejenigen, die dem Tod entronnen waren, wurden in die Omahek-Wüste getrieben, wo man sie dem sicheren Tod überließ. Geschätzte 60 – 70 000 Hereros von insgesamt 80 000 wurden am Ende getötet und viele mehr starben in der Wüste. Eine zweite Revolte gegen die deutsche Herrschaft in Südwest-Afrika durch das Nama-Volk führte zum Tod von etwa der halben Bevölkerung.

Derlei proto-Genozide wurden Routine in den letzten Jahren des europäischen Friedens. König Leopold II von Belgien führte den Kongo-Freistaat als sein persönliches Lehnsgut und reduzierte die Bevölkerung auf die Hälfte, wodurch er bis zu acht Millionen Menschen zwischen 1898 bis 1902 in einen frühen Tod schickte.

Die amerikanische Eroberung der Philippinen zwischen 1898 und 1902, der Kipling sein Buch The White Mans Burden (Die Bürde des Weißen Mannes) widmete, kostete das Leben von mehr als 200 000 Zivilisten.
Dieser Todeszoll scheint vielleicht weniger erschreckend, wenn man bedenkt, dass 26 von 30 US-Generälen in den Philippinen Vernichtungskriege gegen die indigene Amerikaner zuhause geführt hatten. Einer von ihnen, Brigadegeneral Jacob H. Smith erklärte explizit in seinem Tagesbefehl an die Truppen, dass „Ich keine Gefangenen will. Ich will, dass ihr tötet und niederbrennt. Je mehr ihr tötet und brenn, umso besser wird es mir gefallen“. In einer Senatsanhörung über die Grausamkeiten bezog sich General Arthur MacArthur (Vater von Douglas) auf „die wunderbaren arischen Menschen“, zu denen er gehörte und die „Einheit der Rasse“, die aufrecht zu erhalten er berufen war.

D
ie moderne Geschichte der Gewalt zeigt, dass große Feinde niemals gezögert haben, mörderische Ideen voneinander zu borgen. Um nur ein Beispiel zu zeigen – die Rücksichtslosigkeit der amerikanischen Elite Schwarzen und indigenen Amerikanern gegenüber hat die erste Generation deutscher liberaler Imperialisten stark beeindruckt, Jahrzehnte bevor Hitler auch die eindeutige rassistische nationale und Einwanderungs-Politik der USA bewunderte. Die Nazis suchten Inspiration in der Jim Crow-Gesetzgebung im amerikanischen Süden, die Charlottesville /Virignia zu einem passenden jüngsten Austragungsort für die Entrollung der Hakenkreuzfahnen und die Lieder von „Blut und Boden“ machte. Im Licht dieser geteilten Geschichte von rassischer Gewalt, scheint es seltsam zu sein, dass wir fortfahren, den ersten Weltkrieg als eine Schlacht zwischen Demokratie und Autoritarismus zu betrachten, als grundlegende und unerwartetes Unglück.

Der indische Schriftsteller Aurobindo Ghose war einer unter vielen anti-kolonialen Denkern, der vorhersagte, schon vor dem Ausbruch des Krieges, dass das „gerühmte, aggressive beherrschende Europa“ bereits unter einem „Todesurteil“ steht und „die Vernichtung“ erwartet – genau wie Liang Qichao 1918 sehen konnte, dass der Krieg zeigen würde, eine Brücke zu sein, die Europas Vergangenheit von imperialer Gewalt und seine Zukunft gnadenlosen Brudermordes verbindet.

D
iese scharfsinnige Feststellung war weder orientalische Weisheit oder afrikanische Klarsicht. Vielen unterworfenen Völkern wurde einfach klar, lange bevor Arendt ihr Origins of Totalitarianism (Ursprung des Totalitarismus) 1951 veröffentlichte, dass der Friede in der westlichen Metropole allzu sehr von dem outsourcing des Krieges in die Kolonien abhing.

Die Erfahrung von Massentod und Zerstörung, die die meisten Europäer erst nach 1914 erlebten, machten erst weithin die Menschen in Afrika und Asien, wo Land und Resourcen gewaltsam
usurpiert wurden, ökonomische und kulturelle Infrastruktur systematisch zerstört wurde und Bevölkerungen total eliminiert wurden mit Hilfe moderner Bürokratien und Technologien. Europas Gleichgewicht bestand allzu lange parasitär durch das anderweitige Ungleichgewicht.

Am Ende konnten Asien und Afrika nicht mehr ein
sicherer weit entfernter Austragungsort für Europas Expansions-Kriege am Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jd sein. Am Ende erlebten die Menschen in Europa die große Gewalt, die so lange den Asiaten und Afrikanern zuteil wurde. Wie Arendt warnte, verwandelt sich Gewalt, die um der Macht willen eingesetzt wird, „in ein destruktives Prinzip, das nicht aufhören wird, bevor nichts mehr zum zerstören bleibt“.

In unserer jetzigen Zeit zeigt nichts besser diese ruinöse Logik gesetzloser Gewalt, die sowohl die öffentliche als auch die private Moral korrumpiert, als der stark rassisch gefärbte Krieg gegen den Terror. Er setzt einen untermenschlichen Feind voraus, der „ausgeräuchert“ werden muss, zuhause und im Ausland - und ihm ist der Einsatz von Folter und außergerichtlicher Exekution, selbst an westlichen Bürgern erlaubt.

Aber, wie Arendt vorhersagte, die Misserfolge haben nur noch größere Abhängigkeit von Gewalt erzeugt, eine Vielzahl von unerklärten Kriegen und neuen Schlachtfeldern, einen pausenlosen Angriff auf Bürgerrechte zuhause – und eine verschärfte Psychologie der Beherrschung, gegenwärtig manifestiert in Donald Trumps Drohungen, den nuklearen Deal mit Iran zu zerreißen und gegen Nordkorea „Feuer und Wut, wie die Welt noch nie erlebt hat“ zu vergießen.

Es war immer eine Illusion zu glauben, dass „zivilisierte“ Völker zuhause immun sein könnten gegenüber der Zerstörung von Moral und Gesetz in ihren Kriegen gegen Barbaren im Ausland. Aber diese Illusion, die lange von den selbsternannten Verteidigern der westlichen Zivilisation gehegt wurde, ist jetzt zerschmettert worden durch die aufsteigenden rassistischen Bewegungen in Europa und den USA, applaudiert von den weißen Rassisten im Weißen Haus, der sicherstellt, dass nichts zum Vergewaltigen übrig gelassen wird.

Die weißen Nationalisten haben die alte Rhetorik des liberalen Internationalismus in den Müll geworfen, die seit Jahrzehnten bevorzugte Sprache des westlichen politischen und Medien Sprache des Establishments. Statt zu behaupten, die Welt für die Demokratie sicher zu machen, behaupten sie ganz offen die kulturelle Einheit der weißen Rasse gegen eine existenzielle Bedrohung durch dunkelhäutige Ausländer, ob sie Bürger, Immigranten, Flüchtlinge, Asylsuchende oder Terroristen sind.

Aber die globale rassische Ordnung, die Jahrhunderte lang Macht, Identität, Sicherheit und Status ihren Nutznießern bot, hat letztendlich begonnen zusammenzubrechen. Nicht einmal ein Krieg mit China oder die ethnische Säuberung im Westen werden den Weißen den Besitz der Erde für immer und alle Zeiten wiedergeben. Die imperiale Macht und Glorie wiederzugewinnen hat sich bereits als verräterische eskapistische Phantasie erwiesen – durch die Verwüstung des Nahen Ostens und Teilen von Asien und Afrika und die Einführung des Terrorismus auf die Straßen Europas und Amerikas – ganz zu schweigen vom Abgleiten Englands in den Brexit.
Kein Aufrütteln quasi-imperialistischer Unternehmungen im Ausland kann die Abgründe von Klasse und Erziehung maskieren oder die Massen zuhause ablenken. Folglich scheinen die sozialen Probleme unlösbar; erbittert polarisierte Gesellschaften scheinen in den Bürgerkrieg zu gleiten, den Rhodes fürchtete und, wie Brexit und Trump zeigen, die Fähigkeit zur Selbstverletzung ist unheilvoll gestiegen.

Daher kommt es, dass das Weißsein, das sich zuerst in eine Religion verwandelte während der ökonomischen und sozialen Ungewissheit, die der Gewalt von 1914 vorausging, sich zum gefährlichsten Kult heute entwickelt hat. Rassische Überlegenheit ist historisch ausgeübt worden durch Kolonialismus, Sklaverei, Segregation, Ghettoisierung, militarisierte Grenzkontrollen und Massenverhaftungen. Sie hat jetzt ihre letzte und deperateste Phase mit Trump an der Macht erlangt.

Wir können nicht länger die „furchtbare Wahrscheinlichkeit“ vernachlässigen, den James Baldwin einmal beschrieb: dass die Gewinner der Geschichte, „die kämpfen, um das, was sie von ihren Gefangenen gestohlen haben, zu behalten, die nicht fähig sind, in einen Spiegel zu schauen, das Chaos in der ganzen Welt herbeiführen werden, das, wenn es nicht das Leben auf diesem Planeten beenden wird, dann einen Rassenkrieg mit sich bringen wird, wie ihn die Welt noch nie erlebt hat“. Gesundes Denken würde zumindest eine Durchforschung der Geschichte – und hartnäckige Ausdauer – und des rassistischen Imperialismus erfordern: eine Aufgabe, die Deutschland als einzige westliche Macht versucht hat.

Gewiss ist das Risiko, uns nicht der Konfrontation mit unserer wahren Geschichte zu stellen, niemals so klar gewesen wie an diesem Tag der Erinnerung. Wenn wir fortfahren, es zu vermeiden, werden Historiker in einem Jahrhundert sich wieder wundern, warum der Westen schlafwandlerisch nach einem langen Frieden in die größte Katastrophe geschliddert ist.

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